I alone can fix it

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Dieses Bild zeigt die Menge der Tabletten, die ich (Carsten) während der ersten 6 Monate diesen Jahres schlucken musste. Von 3x Malaria bis zu hartnäckigen Atemwegs- und monatelangen Hautinfekten war einiges dabei. Wir sind dankbar, dass wir so viele Medikamente zur Verfügung haben.

Denn dieses Vorrecht hat nicht jeder. Einmal hatte Jose, Cajus bester Freund, Fieber und Kopfschmerzen und es ging ihm nicht gut. Ich nahm das erstmal nur zur Kenntnis. Meistens handelt es sich um Malaria. Am nächsten Tag war er wieder bei uns. Aber meine Frage, ob sein Blut untersucht worden sei oder er Medikamente bekommen habe, verneinte er. Er saß nur still in einer Gartenecke bei uns und hatte sich damit abgefunden, sein Elend auszuhalten. Seine Mutter hatte ihm kein Geld für die Blutuntersuchung oder die Medizin geben.

Wir haben leider eine sehr genaue Vorstellung davon, wie man sich mit einer Malariaerkrankung fühlt. Zuletzt wurde die Erinnerung daran vergangene Woche wieder aufgefrischt.  Die Fieberschübe ohne Schmerzmittel geschweige denn Malariatherapie durchzustehen, ist nicht so lustig. Wir haben natürlich immer die nötige Medizin zu Hause, so dass wir unseren Freund sofort behandeln konnten. Es ging ihm schnell wieder besser, aber es war doch eine bedrückende Erfahrung.

Wir konnten dieses Mal mit unseren Mitteln helfen. Das ist natürlich der erste Reflex. Aber das Problem liegt leider sehr viel tiefer. Warum bringt eine Mutter ihren Sohn nicht zum Arzt oder kauft ihm wenigstens Medikamente wenn es ihm schlecht geht? Die Mutter ist lethargisch, Geld ist nicht genug da und ihr neuer Partner sieht wahrscheinlich auch keine große Veranlassung sich um ein fremdes Kind zu kümmern. Da muss der Junge auf Hilfe warten.

Wir erleben hautnah mit, dass sich viele Menschen keine Untersuchungen oder Medikamente leisten können, obwohl unsere Preise niedrig sind, weil sie durch Spenden subventioniert werden. Viele Menschen aus den Dörfern warten lange bis sie etwas unternehmen und leiden stattdessen. Besonders für Kinder dauert es manchmal lange, bis Geld locker gemacht wird. Es ist unglaublich, was Menschen aushalten können. Wenn es dann unerträglich wird, suchen sie von Nachbarn oder Familienangehörigen Geld zusammen, behandeln sich selber, gehen zum Zauberdoktor oder kommen ins Krankenhaus. Nicht selten ist es wenn sie zu uns kommen schon zu spät. Aus einer unkomplizierten Malariainfektion ist eine tödliche Erkrankung geworden oder eine banale infizierte Wunde führt zur Amputation. Tragischer weise ist der 11-jährige Bruder von o.g. Jose vor kurzem an Malaria gestorben. Seine Erkrankung war so weit fortgeschritten, dass wir ihm nicht mehr helfen konnten. Dieser Junge war genauso alt wie Cajus.  Jose‘s Tränen auf der Beerdigung seines Bruders waren eine unserer traurigsten Erfahrungen hier.

Immer wieder fehlt es am Nötigsten. Geld würde im Einzelfall zwar helfen, löst aber das Grundproblem nicht. Es fehlt viel mehr. Erstmal müsste jeder verstehen, wie sehr er selber von Gott geliebt ist. Die Achtung vor jedwedem Leben hätte dann endlich eine stabile Grundlage, auf der echte Nächstenliebe möglich wäre.  Desweiteren müsste auch noch eine gerechtere Gesellschafts- und Weltordnung her, in der die Grundbedürfnisse der Menschen gestillt sind. Wenn die armen Länder nicht nur die Absatzmärkte für westliche oder chinesische Produkte wären, sondern man diesen Menschen wirklich helfen wollte, müsste man sie fair behandeln. Z.B. in dem man ihnen ihre Produkte zu angemessenen Preisen abkauft. Da könnte man sich einiges an Entwicklungshilfe sparen. Wenn gerechte Politiker weise Entscheidungen für ihr Land träfen, Gelder nicht in falsche Taschen flössen und jeder einzelne seine Arbeit so gut wie möglich machen würde, könnte sich vieles zum Besseren wenden, ohne dass man einen Pfennig mehr investieren müsste.

Aber die Führungspersönlichkeit, die zeigt, wie man von einer egoistischen zu einer gerechten Weltordnung kommt, muss wohl erst noch geboren werden. So jemand würde darauf Wert legen, dass man nicht sein eigenes Wohl auf Kosten der Anderen bekommt, sondern das Wohl der Anderen im Blick behält. Es wäre ein krasser Perspektivwechsel, nicht mehr um sich selbst zu kreisen, sondern den Anderen in den Mittelpunkt zu stellen. Das würde auch perfekt in der Ehe oder anderen Beziehungen funktionieren. Man könnte den Wünschen des Partners Vorrang geben und vor allem sich selbst nicht so wichtig nehmen. Man muss kein Paarberater sein, um die positiven Effekte vorherzusehen – ein Geheimtipp für gelingende Beziehungen.

Ob es jemals soweit kommt? Aber zum Glück muss man nicht darauf warten, dass die gerechte Welt irgendwann endlich mal von irgendwelchen Staatenlenkern angefangen wird. Man könnte einfach selber in seiner Familie und bei den Menschen in der nächsten Umgebung damit anfangen, egal, welche Autokraten, Despoten, Populisten oder Egomanen die Welt regieren.

Wenn man damit anfängt, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, sondern dem Wohl des Anderen den Vorzug zu geben, würde man merken, wie schön das Zusammenleben sein kann. Man würde vielleicht mehr fair gehandelte Produkte kaufen oder andere Ideen für einen gerechteren und umweltfreundlicheren Welthandel unterstützen. Aber vor allem würde einem relativ schnell klar werden, wie egoistisch man eigentlich doch noch ist. Und wenn man halbwegs ehrlich zu sich selbst ist, müsste man zugeben, dass man es nicht wirklich schafft, so zu leben. Man hätte so im Handumdrehen den Beweis seiner eigenen Erlösungsbedürftigkeit bekommen.

Wenn man mal soweit ist, müsste man eigentlich nur noch das Neue Testament lesen. Denn darin geht es im Wesentlichen um den Erlöser für die Erlösungsbedürftigen. Es fängt ohne Umschweife mit seiner Geburt an. Im Neuen Testament geht es darum, den ernst zu nehmen, der gesagt hat: „I alone can fix it“ (bitte jetzt nicht an einen amerikanischen Politiker denken). Der Typ aus der Krippe hat tatsächlich behauptet: „ Ich bin die einzige Lösung für eure Probleme, ich bin der einzige Weg zu Gott“. Politisch korrekt ist so ein Spruch nicht. Jesus polarisiert. Jeder muss sich irgendwann mal entscheiden, ob er Jesus glaubt oder ihn für den größten Hochstapler aller Zeiten hält. Alles dazwischen würde ihm nicht gerecht werden.

Unserer Meinung nach würden sich die Probleme von Kindern wie Jose und seinem Bruder, die nicht rechtzeitig genügend Medikamente für ihre Malaria haben, besser lösen lassen, wenn man dem Christkind glaubt, wofür es in die Welt gekommen ist. Deswegen sind wir hier in Tansania Missionare, nicht nur Entwicklungshelfer.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres Blogs, und natürlich auch allen Nichtlesern, eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

 

 

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Authentic Africa

Afrika ist ein faszinierender Kontinent. Die Menschen leben so ganz anders als in Europa und es ist interessant, möglichst authentische Einblicke in dieses Leben zu bekommen. Es ist erstrebenswert, nicht nur die Touristen-Version präsentiert zu bekommen, sondern das echte Leben kennenzulernen. Oder?

Wir würden sagen: „Kommt drauf an“. Während wir neulich im Land unterwegs waren, hatte sich unser anderthalbjähriger Knabe einen ausgewachsenen Magen-Darm-Infekt eingehandelt. So etwas ist schon zu Hause nicht lustig, aber auf Reisen ist das erst recht nicht vergnügungssteuerpflichtig. Ein Kind, das in einem fort erbricht, ist besonders im Auto nicht so super. Ausserdem lief ihm sein Stuhlgang in Nullkommanix bis in die Schuhe. Nach 4 Tagen war Junior so fertig mit der Welt, dass er dringend Infusionen brauchte. Obwohl unsere Hemmschwelle bzgl. hiesiger Gesundheitseinrichtungen groß ist, brachte ihn Sandra ins nächste Krankenhaus. Ich war leider nicht dabei, da ich mich zeitgleich um die kranke Schwiegermutter kümmern musste (Stirb langsam).

Eine Krankenschwester versuchte unserem dehydrierten Sohn eine Infusionsnadel zu legen. Ein ums andere Mal stach sie ohne Erfolg zu. Da mussten Mutter und Kind tapfer sein. Nach dem Zustechen wollte die Schwester die Nadel irgendwie loswerden und stach sie kurzerhand in die Matratze des Bettes. Das war schon nicht so ganz lege artes. Damit aber nicht genug. Ehe Sandra intervenieren konnte, zog die Schwester diese Nadel wieder aus der Matratze heraus und stach damit erneut in unseren Sohn hinein. Sandra war kurz davor wegzulaufen, Sanel blieb sowieso nur gegen seinen Willen. Aber uns blieben nicht viele Alternativen. Nach 8 Versuchen lief die Infusion endlich. Sandra lag mit Sanel in einem 30-Bett-Zimmer und war fast so fertig mit der Welt wie unser Sohn.

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Tansanische Krankenhausidylle

Sie wollte nach Ende der Infusion natürlich wieder nach Hause. Das wurde ihr aber verweigert. Sie sollte über Nacht bleiben, weil abends die Anmeldung nicht mehr besetzt war und sie deshalb nicht entlassen werden konnte. Das ist so üblich in tansanischen Krankenhäusern. Aber normalerweise stehen wir auf der anderen Seite. Diesmal durfte Sandra die Welt aus Patientensicht auskosten. Erst nach der Intervention einer befreundeten Ärztin, die wir am Tag zuvor kennengelernt hatten, durfte Sandra gehen. Sie musste sich verpflichten, auf jeden Fall am nächsten Tag zu einer bestimmten Zeit wiederzukommen, um weitere Medizin zu holen und die Formalitäten zu erledigen.

Am nächsten Morgen stand ich wie bestellt auf der Matte, aber es wusste natürlich niemand Bescheid. Ich sollte warten, bis der Apotheker kommt. Nach nicht einmal einer Stunde kam der freundliche Herr und hörte sich meinen Text an. Er sagte, dass er mir keine Medizin geben könne, weil er nicht an die Krankenakte rankäme. Das Archiv wäre am Sonntag abgeschlossen. Meine Güte, ich war doch extra deswegen herbestellt worden. Total authentisch. Als ich ihm erklärte, dass ich Arzt sei und meinem Sohn schon am Vortag die Medizin selber gespritzt hätte, drückte er mir die Packung netterweise ohne weitere Formalitäten in die Hand. Dankbar und um eine Erfahrung reicher zog ich ab.

Der Aufenthalt in dieser Heilanstalt war ein guter Einblick in die Lebensrealität von tansanischen Patienten. Bei allem was recht ist, aber es hätte ruhig etwas weniger authentisch sein dürfen.

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Stirb langsam

Oma und Opa hatten sich aufgemacht, ihre entfernte Verwandtschaft in Tansania zu besuchen. Am Rande von Tansania wollten wir gemeinsam Urlaub machen.

Zuerst lief alles nach Plan. Aber in Matema am Nyassa-See war meine Schwiegermutter nachts plötzlich kaum noch ansprechbar. Wir waren maximal besorgt wenn nicht latent panisch. Es ist immer super, wenn man Ärzte dabei hat, aber mittellos und fernab von geeigneter medizinischer Infrastruktur hilft einem das Wissen um die Bedrohlichkeit des Zustandes auch nur bedingt weiter. Not lehrt beten. Aber da wir auch in Friedenszeiten den heißen Draht nach oben pflegen, mussten wir das Beten nicht erst lernen. Es gelang uns mühelos.
Die beste Erklärung für die akute Zustandsverschlechterung meiner Schwiegermutter war eine Überdosierung ihrer Pregabalin-Therapie. Da sie die Höchstdosis nehmen musste, war es wohl zu einer Kumulation gekommen. Wir legten sie in die stabile Seitenlage und wachten die ganze Nacht bei ihr. Am nächsten Morgen war, bei 6 Stunden Halbwertszeit des Medikaments, eine Besserung zu erwarten. Wie froh waren wir, dass es der Oma morgens deutlich besser ging. Somit war unsere Verdachtsdiagnose bestätigt. Leider Verschlechterte sich ihr Zustand im Verlauf des Tages wieder, obwohl sie keine weiteren Tabletten eingenommen hatte. Jetzt war guter Rat teuer. Sie saß nur noch teilnahmslos im Stuhl und reagierte gar nicht mehr. Spätestens da war für uns der Zeitpunkt, die Reißleine zu ziehen. Dank Rückholversicherung beim ADAC, waren die nächsten Schritte klar.
Der Erstkontakt mit dem ADAC war gut, aber der entscheidende Rückruf des Arztes hätte ruhig ein paar Stunden früher erfolgen können. Da sitzt man am Ende der Welt mit seiner akut bedrohten Schwiegermutter und wartet Stunde um Stunde auf Hilfe. Zum Glück schätzte unser ärztlicher Kollege am Telefon die Situation genauso ein wie wir, aber meinte gleich, es könne gut 5 Tage dauern, bis der ADAC den arztbegleiteten Rücktransport organisiert hätte. Das klang ein bisschen so wie „Stirb langsam, unsere Hilfe kommt nicht so schnell“. Aber er versprach einen Rückruf am gleichen Abend (oder in der Nacht), damit wenigstens der Inlandstransport nach Dar es Salaam zur Erstversorgung und –diagnostik schon mal stattfinden konnte.

Als am nächsten Morgen immer noch nichts passiert war, bemühten wir wieder die Hotline. Leider gab es keine Direktnummer, über die man einfach hätte kommunizieren können. Wir sagten, dass wir den Transport nach Dar es Salaam inkl. Ambulanzflug auch selber organisieren könnten.
Mit gepackten Koffern warteten wir wieder auf einen Rückruf von jemandem, der zuständig war. Eigentlich brauchten wir nur das Signal, dass wir endlich zum nächsten (4h entfernten) Flughafen losfahren konnten. Irgendwann kam dann ein Anruf von einem anderen Arzt. Er wollte wissen, wie es der Patientin ginge und meinte, dass sie besser nicht so weit gereist wäre, wenn sie nicht ganz gesund ist. Ich wollte ihn fragen, was das jetzt für ein beklopptes Thema sei, aber es gelang mir höflich zu bleiben. Ich bot stattdessen nochmal an, dass wir zur Beschleunigung den Inlandstransport auch selber organisieren könnten. Dieses Angebot wurde brüsk zurückgewiesen. Das ginge aus der Zentrale in München schneller. Dass wir am Vorabend schon eine Abholung aus Matema und einen Ambulanzflug von Mbeya aus auf standby hatten (was wir aber abgesagt hatten, weil der ADAC sich nicht meldete), ist nur eine ironische Randnotiz. Ich erlaubte mir noch die Bemerkung, dass man aus Matema nicht ausgeflogen werden könne, sondern mit dem Auto fahren müsse. Ach so, wo denn der nächste Flughafen sei? Alles Fragen, die beim Erstkontakt natürlich schon detailliert aufgenommen worden waren.

Als wir schon nicht mehr glaubten, dass an dem Tag überhaupt noch etwas passieren würde, kam der Anruf wir sollten jetzt ganz schnell machen. Ein Flieger aus Nairobi wäre in 2h in Mbeya. Gebetsmühlenartig erklärte ich wieder, dass unsere Fahrt bis Mbeya 4h dauern könnte. Das Flugzeug würde dann in Mbeya auf uns warten müssen. Als die Dame die Landkarte unserer Region öffnen wollte, entschuldigte sie sich, dass ihr Computer so langsam sei. Ich musste einen hysterischen Anfall unterdrücken. Ich sicherte ihr mein vollstes Verständnis zu, wir seien afrikanische Verhältnisse gewöhnt.

Da die Koffer schon gepackt waren, fuhren wir sofort los. Auf halber Strecke erhielt ich einen Anruf aus Nairobi. Die Amref-Zentrale, die für den Ambulanzflug verantwortlich war, fragte wo wir blieben. Der Flughafen in Mbeya würde um 20 Uhr schließen, wir sollten uns beeilen. Eine interessante Info, die man uns auch sofort hätte geben können. Da wir erst um 16:30Uhr losfahren konnten und 3-4h Fahrtzeit zu veranschlagen waren, hätte man das Ganze eigentlich vor Abfahrt schon absagen können. Na ja, wer A sagt muss auch schnell fahren. Unter Missachtung aller Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen und unter Ausnutzung beider Fahrspuren kamen wir auf der kurvigen Strecke gut voran. Ich legte mir vorsichtshalber, für den Fall, dass wir in eine Polizeikontrolle kommen würden, eine sprachlich und kulturell angemessene Argumentation für mein regelwidriges Verhalten zurecht. Obwohl man mittlerweile mit der Polizei hier nicht mehr viel diskutieren kann.
Alle halbe Stunde kam ein Anruf, wie weit wir noch entfernt seien. Ich entschloss mich deshalb eine Abkürzung zu nehmen, die allerdings nicht geteert war.

Rallye Matema-Songwe Airport

Rallye Matema-Songwe

Dort waren wenigstens keine Polizeikontrollen und wir kamen um den Stadtverkehr in Mbeya herum. Es war eine echte Rallye-Fahrt durch die Bergdörfer, zwischendurch immer mal nach dem Weg fragend und bei Google Maps nachschauend ob wir noch richtig waren. Und immer wieder diese Anrufe wie lange wir noch bräuchten und u.a. was die Patientin überhaupt hätte. Ich konnte überzeugend rüberbringen, dass ich keinen Nerv zum Telefonieren hatte. Dieser Höllenritt war für meine Schwiegereltern kein Spaß. Zum Glück blieben Auto, Insassen und alle die am Wegrand waren unbeschadet. Nach 3h, immerhin 20 Minuten vor der Frist, waren wir da. Die uns in Empfang nehmende Ärztin hatte tatsächlich Null Informationen zu ihrem Fall. Ich stand zwar noch unter Strom, konnte mich aber nicht mehr aufregen. Da ich wenigstens nicht mehr einhändig im Dunklen durch den Wald brettern musste, konnte ich meiner Kollegin noch schnell die Krankengeschichte erzählen. Die Patientin wurde ins Flugzeug gebracht und mein Adrenalinspiegel sank wieder. Aber es geschah nichts. Ich wartete bis sie endlich abheben würden, bekam aber stattdessen den Anruf, dass sie nicht starten könnten, weil die Startbahn unbeleuchtet sei. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Dieses pikante Detail hätte durchaus bekannt sein können, da es diese Lichter dort noch nie gab. Außerdem wird es in Äquatornähe jeden Tag zur gleichen Zeit dunkel. Man hätte demnach schon mindestens seit mehreren Jahrhunderten wissen können, wann dort die Nacht beginnt. Das war einfach nur ganz schlechtes Kino. Wir übernachteten alle zusammen in einem Gästehaus und der Flug ging früh am nächsten Morgen los.

Die Abklärung in einem Dar es Salaamer Krankenhaus mit einer Computertomographie des Kopfes blieb unauffällig. Das war zu erwarten, aber nötig zum Ausschluss anderer Erkrankungen und Feststellung der Flugfähigkeit. Ursächlich war wohl tatsächlich die Pregabalin-Überdosierung gewesen. Wir durften das Medikament aber nicht abrupt absetzen, weil es sonst zu Krampfanfällen etc. kommen könnte. Nach einer Einnahme-Pause, mussten wir also mit der Einnahme vorsichtig wieder beginnen. Man kann auf beiden Seiten vom Pferd runterfallen. Obwohl sich der Gesundheitszustand deutlich besserte, war deshalb ein begleiteter Rückflug nötig. Ob nur ein Arzt, oder auch ein Sanitäter mitfliegen müsse, sollte in einem Arzt-Gespräch geklärt werden. Als der ADAC-Arzt anrief, wusste er nicht, was er fragen sollte. Das war irre und fast schon wieder lustig. Man hätte ihn wohl besser informieren müssen, worum es ging. Zum Glück konnte mein Schwiegervater aushelfen. Wir entschieden uns gegen eine zweite Begleitperson, weil es bei stabiler Patientin nur um eine Absicherung ging und der Flug sich sonst noch weiter verzögert hätte. Der Rückflug fand tatsächlich 5 Tage nach Erstkontakt statt. Im Grunde lief alles wie am Schnürchen, nur dass die Schnur ziemlich lang war. Wir sind dankbar, dass alles gut gegangen ist und unser Abenteuer-Urlaub vorbei ist. Wie erholsam der Alltag sein kann.

Fazit: Wir danken Gott, dass alles gut gegangen ist. Wir haben in dieser belastenden und bedrohlichen Situation sehr viel Unterstützung von vielen, z.T. wildfremden Menschen unterschiedlichster Hautfarbe bekommen. Das hat sehr gut getan. Auch die Hilfe des ADAC wissen wir sehr zu schätzen, aber es gibt Abzüge in der B-Note.

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Duplizität der Ereignisse

Die letzten Nachtdienste waren schlafarm und arbeitsreich. Deshalb entschloss ich mich, am Sonntag schon um 20 Uhr ins Bett zu gehen. Was man hat, hat man. Um 2:30 Uhr weckte mich Sandra, ich müsse mal ans Telefon gehen, das Krankenhaus sei dran. Anscheinend war ich vom Klingeln nicht aufgewacht. Die Hebamme sagte, eine Schwangere blute stark aus dem Geburtskanal und kindliche Herztöne habe sie keine mehr hören können. Das waren keine guten Nachrichten mitten in der Nacht. Im Kreißsaal fand ich eine Patientin ohne messbaren Blutdruck oder fühlbaren Puls. Aber sie lebte noch. Das Kind in ihrem Bauch war allerdings schon tot.

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Placenta praevia (Quelle: http://www.tk.de)

Der Verdacht einer Placenta praevia (d.h. eine Verlegung des Geburtskanals durch den Mutterkuchen) bestätigte sich im Ultraschall. Besonders bitter war, dass dieser Befund schon seit März bekannt war. Eine Kollegin von mir hatte die Patientin damals in der Ambulanz gesehen und dieses Problem entdeckt. Ihre Warnungen und Ratschläge hatte die Patientin allerdings nicht befolgt. Ich erfuhr, dass sie schon seit 21 Uhr blutete. Obwohl sie nur aus Chikomo, dem nächsten Nachbardorf stammte, kam sie erst um 2 Uhr nachts zu uns. Der Tod des Kindes und der lebensbedrohliche Zustand der Mutter waren also ziemlich hausgemacht. Ich holte das OP- und Narkoseteam aus dem Dorf und gemeinsam retteten wir die Mutter. Als ich um 5 Uhr wieder in mein Bett kroch, war an Schlaf nicht mehr zu denken, obwohl Sanel diesmal nicht daran schuld war.

Einziger Trost war mein morgendlicher Kaffee. Beim Schmieren der Schulbrote für die Kinder klingelte schon wieder das Telefon – eine Frau blute stark aus dem Geburtskanal. Ich hatte ein Déjà vu und der Film aus der Nacht lief wieder ab. Das war ja nicht so ein guter Wochenstart. Immerhin lebte in diesem Fall das Kind noch. Allerdings waren die kindlichen Herztöne sehr schwach. Die Diagnose war die gleiche wie in der Nacht, die Geschichte aber eine andere. Bei dieser Frau war die Placenta praevia nicht bekannt. Sie kam aus einem weit entfernten Dorf im Nachbardistrikt und war die ganze Nacht mit verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen.

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Häufig werden Schwerkranke in so einem Korb auf dem Motorrad transportiert. Der Fahrer braucht viel Geschick und die Patientin viel Leidensbereitschaft.

Die Ausgangslage der Patientin war trotzdem besser. Ihr Zustand war stabiler, das Kind lebte noch und das OP-Team war zum Glück schon da. Tempo, Tempo! Narkose rein, Bauch auf, Kind raus – dieser Kaiserschnitt war so schnell wie das in Mbesa sonst nicht möglich ist. Trotzdem kam ich zu spät, auch dieses Baby war leider schon tot.

Dass die der Mutterkuchen den Geburtskanal verlegt, kommt immer wieder mal aber nicht häufig vor (0,5% der Entbindungen). Eine Notfall-OP wie in diesen Fällen haben wir sehr selten. Ich hatte zwei auf einmal davon, eine Duplizität der Ereignisse.

Die Bilanz meines Nachtdienstes waren zwei tote Kinder und zwei lebende Mütter. Das Glas ist halb voll, aber es schmeckt irgendwie bitter.

 

 

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Andere Länder, andere Fritten.

Wir haben uns mal in der heimischen Insektenszene umgesehen. Jetzt in der Regenzeit gibt es viele nahrhafte Brummer. Die Kinder haben eifrig einige aufgesammelt und mit ihren Freunden zubereitet. Lecker!

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Frittiert und gesalzen kann man das mal machen. Der Nährwert ist unbestritten hoch und der glykämische Index niedrig. Aber es ersetzt natürlich keine leckeren Importgüter aus Europa.

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Problemlösungskompetenz

Manchmal können unsere Kinder richtig schön zusammen spielen. Am vergangenen Wochenende hatten sie sich im Kinderzimmer aus Decken ein ‚Wohnmobil‘ gebaut und ‚fuhren‘ damit durch die Gegend. Sogar der einjährige Sanel durfte mitspielen. Als er jedoch lästig wurde, entwickelten die Großen eine passende Exit-Strategie für ihn. Er bekam die Rolle eines Hundes, der an einem Rastplatz (bei uns Eltern in der Küche) ausgesetzt wurde. Unsere Kinder würden im echten Leben nie auf die Idee kommen, ein Tier auszusetzen – ganz im Gegenteil. Interessant fanden wir aber, wie kreativ sie ihr ‚Problem‘ gelöst haben.

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Letzte Flasche, Besonderheit!

Als eines unserer Kinder beim Tischdecken rief: „Letzte Flasche, Besonderheit!“  war klar, dass mal wieder der Mangel verwaltet wurde.

Viele Dinge können wir hier nicht immer bekommen. Obst und Gemüse werden in geringer Auswahl und nur saisonal angeboten. Die Versorgungslage ist nicht voraussehbar. Es gibt zwar immer irgendwelche grünen Blätter zu kaufen, aber das hat unsere Kinder noch nicht zu begeisterten Essern von Grünzeug gemacht.

Andere Dinge gibt es vor Ort gar nicht. Man könnte zwar in Dar es Salaam fast alles bekommen, allerdings zu Mondpreisen. Wenn man Lust auf eine Tafel Milka-Schokolade hätte, könnte man sie sich dort einfach für 3€ kaufen. 250g Tortellini kosten umgerechnet ca. 8€, für ein 300g-Päckchen Philadelphia-Käse muss man 9€ auf den Tisch legen und ein kleines Gläschen Pesto bekommt man für lächerliche 10€. Da wir hier nur den Bruchteil eines deutschen Arztgehaltes zur Verfügung haben, halten wir uns lieber an die lokal verfügbaren Lebensmittel. Die sind zum Glück deutlich günstiger. Wir üben zwar Verzicht, leiden aber keinen Mangel. Wir nehmen nicht ab.

Sandra macht aus der Not eine Tugend und stellt u.a. selber Joghurt, Quark, Curry-Ketchup und Mango-Chutney her. Als endlich mal Basilikum geerntet werden konnte, hatten wir sogar frisches Pesto. Unser Speisezettel wird darüber hinaus z.B. durch hausgemachte Falafel in Pita, Humus mit Fladenbrot oder Müsli-Brötchen bereichert. Je nach Saison haben wir frischen Mango- oder Ananas- Saft und für die obstarmen Zeiten gibt es Sirup aus Zitronensaft (s. Bild). Natürlich haben wir auch Marmeladen aus Guaven, Papaya, Maulbeeren, Ochsenherz oder Sternfrucht – dabraumergarnetdrüberredde.

Mangel sieht anders aus.

Mangel sieht anders aus.

Bei eingangs erwähnter Begebenheit ging es übrigens um eine Flasche kalten Wassers. Davon haben wir in der Regel genug.

Auf jeden Fall genug, um damit auf ein neues Jahr anzustoßen. Wir wünschen allen Lesern unseres Blogs ein gutes neues Jahr und immer genug frisches Wasser zur Hand. Spätestens die letzte Flasche schmeckt besonders.

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