Stirb langsam

Oma und Opa hatten sich aufgemacht, ihre entfernte Verwandtschaft in Tansania zu besuchen. Am Rande von Tansania wollten wir gemeinsam Urlaub machen.

Zuerst lief alles nach Plan. Aber in Matema am Nyassa-See war meine Schwiegermutter nachts plötzlich kaum noch ansprechbar. Wir waren maximal besorgt wenn nicht latent panisch. Es ist immer super, wenn man Ärzte dabei hat, aber mittellos und fernab von geeigneter medizinischer Infrastruktur hilft einem das Wissen um die Bedrohlichkeit des Zustandes auch nur bedingt weiter. Not lehrt beten. Aber da wir auch in Friedenszeiten den heißen Draht nach oben pflegen, mussten wir das Beten nicht erst lernen. Es gelang uns mühelos.
Die beste Erklärung für die akute Zustandsverschlechterung meiner Schwiegermutter war eine Überdosierung ihrer Pregabalin-Therapie. Da sie die Höchstdosis nehmen musste, war es wohl zu einer Kumulation gekommen. Wir legten sie in die stabile Seitenlage und wachten die ganze Nacht bei ihr. Am nächsten Morgen war, bei 6 Stunden Halbwertszeit des Medikaments, eine Besserung zu erwarten. Wie froh waren wir, dass es der Oma morgens deutlich besser ging. Somit war unsere Verdachtsdiagnose bestätigt. Leider Verschlechterte sich ihr Zustand im Verlauf des Tages wieder, obwohl sie keine weiteren Tabletten eingenommen hatte. Jetzt war guter Rat teuer. Sie saß nur noch teilnahmslos im Stuhl und reagierte gar nicht mehr. Spätestens da war für uns der Zeitpunkt, die Reißleine zu ziehen. Dank Rückholversicherung beim ADAC, waren die nächsten Schritte klar.
Der Erstkontakt mit dem ADAC war gut, aber der entscheidende Rückruf des Arztes hätte ruhig ein paar Stunden früher erfolgen können. Da sitzt man am Ende der Welt mit seiner akut bedrohten Schwiegermutter und wartet Stunde um Stunde auf Hilfe. Zum Glück schätzte unser ärztlicher Kollege am Telefon die Situation genauso ein wie wir, aber meinte gleich, es könne gut 5 Tage dauern, bis der ADAC den arztbegleiteten Rücktransport organisiert hätte. Das klang ein bisschen so wie „Stirb langsam, unsere Hilfe kommt nicht so schnell“. Aber er versprach einen Rückruf am gleichen Abend (oder in der Nacht), damit wenigstens der Inlandstransport nach Dar es Salaam zur Erstversorgung und –diagnostik schon mal stattfinden konnte.

Als am nächsten Morgen immer noch nichts passiert war, bemühten wir wieder die Hotline. Leider gab es keine Direktnummer, über die man einfach hätte kommunizieren können. Wir sagten, dass wir den Transport nach Dar es Salaam inkl. Ambulanzflug auch selber organisieren könnten.
Mit gepackten Koffern warteten wir wieder auf einen Rückruf von jemandem, der zuständig war. Eigentlich brauchten wir nur das Signal, dass wir endlich zum nächsten (4h entfernten) Flughafen losfahren konnten. Irgendwann kam dann ein Anruf von einem anderen Arzt. Er wollte wissen, wie es der Patientin ginge und meinte, dass sie besser nicht so weit gereist wäre, wenn sie nicht ganz gesund ist. Ich wollte ihn fragen, was das jetzt für ein beklopptes Thema sei, aber es gelang mir höflich zu bleiben. Ich bot stattdessen nochmal an, dass wir zur Beschleunigung den Inlandstransport auch selber organisieren könnten. Dieses Angebot wurde brüsk zurückgewiesen. Das ginge aus der Zentrale in München schneller. Dass wir am Vorabend schon eine Abholung aus Matema und einen Ambulanzflug von Mbeya aus auf standby hatten (was wir aber abgesagt hatten, weil der ADAC sich nicht meldete), ist nur eine ironische Randnotiz. Ich erlaubte mir noch die Bemerkung, dass man aus Matema nicht ausgeflogen werden könne, sondern mit dem Auto fahren müsse. Ach so, wo denn der nächste Flughafen sei? Alles Fragen, die beim Erstkontakt natürlich schon detailliert aufgenommen worden waren.

Als wir schon nicht mehr glaubten, dass an dem Tag überhaupt noch etwas passieren würde, kam der Anruf wir sollten jetzt ganz schnell machen. Ein Flieger aus Nairobi wäre in 2h in Mbeya. Gebetsmühlenartig erklärte ich wieder, dass unsere Fahrt bis Mbeya 4h dauern könnte. Das Flugzeug würde dann in Mbeya auf uns warten müssen. Als die Dame die Landkarte unserer Region öffnen wollte, entschuldigte sie sich, dass ihr Computer so langsam sei. Ich musste einen hysterischen Anfall unterdrücken. Ich sicherte ihr mein vollstes Verständnis zu, wir seien afrikanische Verhältnisse gewöhnt.

Da die Koffer schon gepackt waren, fuhren wir sofort los. Auf halber Strecke erhielt ich einen Anruf aus Nairobi. Die Amref-Zentrale, die für den Ambulanzflug verantwortlich war, fragte wo wir blieben. Der Flughafen in Mbeya würde um 20 Uhr schließen, wir sollten uns beeilen. Eine interessante Info, die man uns auch sofort hätte geben können. Da wir erst um 16:30Uhr losfahren konnten und 3-4h Fahrtzeit zu veranschlagen waren, hätte man das Ganze eigentlich vor Abfahrt schon absagen können. Na ja, wer A sagt muss auch schnell fahren. Unter Missachtung aller Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen und unter Ausnutzung beider Fahrspuren kamen wir auf der kurvigen Strecke gut voran. Ich legte mir vorsichtshalber, für den Fall, dass wir in eine Polizeikontrolle kommen würden, eine sprachlich und kulturell angemessene Argumentation für mein regelwidriges Verhalten zurecht. Obwohl man mittlerweile mit der Polizei hier nicht mehr viel diskutieren kann.
Alle halbe Stunde kam ein Anruf, wie weit wir noch entfernt seien. Ich entschloss mich deshalb eine Abkürzung zu nehmen, die allerdings nicht geteert war.

Rallye Matema-Songwe Airport

Rallye Matema-Songwe

Dort waren wenigstens keine Polizeikontrollen und wir kamen um den Stadtverkehr in Mbeya herum. Es war eine echte Rallye-Fahrt durch die Bergdörfer, zwischendurch immer mal nach dem Weg fragend und bei Google Maps nachschauend ob wir noch richtig waren. Und immer wieder diese Anrufe wie lange wir noch bräuchten und u.a. was die Patientin überhaupt hätte. Ich konnte überzeugend rüberbringen, dass ich keinen Nerv zum Telefonieren hatte. Dieser Höllenritt war für meine Schwiegereltern kein Spaß. Zum Glück blieben Auto, Insassen und alle die am Wegrand waren unbeschadet. Nach 3h, immerhin 20 Minuten vor der Frist, waren wir da. Die uns in Empfang nehmende Ärztin hatte tatsächlich Null Informationen zu ihrem Fall. Ich stand zwar noch unter Strom, konnte mich aber nicht mehr aufregen. Da ich wenigstens nicht mehr einhändig im Dunklen durch den Wald brettern musste, konnte ich meiner Kollegin noch schnell die Krankengeschichte erzählen. Die Patientin wurde ins Flugzeug gebracht und mein Adrenalinspiegel sank wieder. Aber es geschah nichts. Ich wartete bis sie endlich abheben würden, bekam aber stattdessen den Anruf, dass sie nicht starten könnten, weil die Startbahn unbeleuchtet sei. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Dieses pikante Detail hätte durchaus bekannt sein können, da es diese Lichter dort noch nie gab. Außerdem wird es in Äquatornähe jeden Tag zur gleichen Zeit dunkel. Man hätte demnach schon mindestens seit mehreren Jahrhunderten wissen können, wann dort die Nacht beginnt. Das war einfach nur ganz schlechtes Kino. Wir übernachteten alle zusammen in einem Gästehaus und der Flug ging früh am nächsten Morgen los.

Die Abklärung in einem Dar es Salaamer Krankenhaus mit einer Computertomographie des Kopfes blieb unauffällig. Das war zu erwarten, aber nötig zum Ausschluss anderer Erkrankungen und Feststellung der Flugfähigkeit. Ursächlich war wohl tatsächlich die Pregabalin-Überdosierung gewesen. Wir durften das Medikament aber nicht abrupt absetzen, weil es sonst zu Krampfanfällen etc. kommen könnte. Nach einer Einnahme-Pause, mussten wir also mit der Einnahme vorsichtig wieder beginnen. Man kann auf beiden Seiten vom Pferd runterfallen. Obwohl sich der Gesundheitszustand deutlich besserte, war deshalb ein begleiteter Rückflug nötig. Ob nur ein Arzt, oder auch ein Sanitäter mitfliegen müsse, sollte in einem Arzt-Gespräch geklärt werden. Als der ADAC-Arzt anrief, wusste er nicht, was er fragen sollte. Das war irre und fast schon wieder lustig. Man hätte ihn wohl besser informieren müssen, worum es ging. Zum Glück konnte mein Schwiegervater aushelfen. Wir entschieden uns gegen eine zweite Begleitperson, weil es bei stabiler Patientin nur um eine Absicherung ging und der Flug sich sonst noch weiter verzögert hätte. Der Rückflug fand tatsächlich 5 Tage nach Erstkontakt statt. Im Grunde lief alles wie am Schnürchen, nur dass die Schnur ziemlich lang war. Wir sind dankbar, dass alles gut gegangen ist und unser Abenteuer-Urlaub vorbei ist. Wie erholsam der Alltag sein kann.

Fazit: Wir danken Gott, dass alles gut gegangen ist. Wir haben in dieser belastenden und bedrohlichen Situation sehr viel Unterstützung von vielen, z.T. wildfremden Menschen unterschiedlichster Hautfarbe bekommen. Das hat sehr gut getan. Auch die Hilfe des ADAC wissen wir sehr zu schätzen, aber es gibt Abzüge in der B-Note.

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