Duplizität der Ereignisse

Die letzten Nachtdienste waren schlafarm und arbeitsreich. Deshalb entschloss ich mich, am Sonntag schon um 20 Uhr ins Bett zu gehen. Was man hat, hat man. Um 2:30 Uhr weckte mich Sandra, ich müsse mal ans Telefon gehen, das Krankenhaus sei dran. Anscheinend war ich vom Klingeln nicht aufgewacht. Die Hebamme sagte, eine Schwangere blute stark aus dem Geburtskanal und kindliche Herztöne habe sie keine mehr hören können. Das waren keine guten Nachrichten mitten in der Nacht. Im Kreißsaal fand ich eine Patientin ohne messbaren Blutdruck oder fühlbaren Puls. Aber sie lebte noch. Das Kind in ihrem Bauch war allerdings schon tot.

placenta praevia

Placenta praevia (Quelle: http://www.tk.de)

Der Verdacht einer Placenta praevia (d.h. eine Verlegung des Geburtskanals durch den Mutterkuchen) bestätigte sich im Ultraschall. Besonders bitter war, dass dieser Befund schon seit März bekannt war. Eine Kollegin von mir hatte die Patientin damals in der Ambulanz gesehen und dieses Problem entdeckt. Ihre Warnungen und Ratschläge hatte die Patientin allerdings nicht befolgt. Ich erfuhr, dass sie schon seit 21 Uhr blutete. Obwohl sie nur aus Chikomo, dem nächsten Nachbardorf stammte, kam sie erst um 2 Uhr nachts zu uns. Der Tod des Kindes und der lebensbedrohliche Zustand der Mutter waren also ziemlich hausgemacht. Ich holte das OP- und Narkoseteam aus dem Dorf und gemeinsam retteten wir die Mutter. Als ich um 5 Uhr wieder in mein Bett kroch, war an Schlaf nicht mehr zu denken, obwohl Sanel diesmal nicht daran schuld war.

Einziger Trost war mein morgendlicher Kaffee. Beim Schmieren der Schulbrote für die Kinder klingelte schon wieder das Telefon – eine Frau blute stark aus dem Geburtskanal. Ich hatte ein Déjà vu und der Film aus der Nacht lief wieder ab. Das war ja nicht so ein guter Wochenstart. Immerhin lebte in diesem Fall das Kind noch. Allerdings waren die kindlichen Herztöne sehr schwach. Die Diagnose war die gleiche wie in der Nacht, die Geschichte aber eine andere. Bei dieser Frau war die Placenta praevia nicht bekannt. Sie kam aus einem weit entfernten Dorf im Nachbardistrikt und war die ganze Nacht mit verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen.

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Häufig werden Schwerkranke in so einem Korb auf dem Motorrad transportiert. Der Fahrer braucht viel Geschick und die Patientin viel Leidensbereitschaft.

Die Ausgangslage der Patientin war trotzdem besser. Ihr Zustand war stabiler, das Kind lebte noch und das OP-Team war zum Glück schon da. Tempo, Tempo! Narkose rein, Bauch auf, Kind raus – dieser Kaiserschnitt war so schnell wie das in Mbesa sonst nicht möglich ist. Trotzdem kam ich zu spät, auch dieses Baby war leider schon tot.

Dass die der Mutterkuchen den Geburtskanal verlegt, kommt immer wieder mal aber nicht häufig vor (0,5% der Entbindungen). Eine Notfall-OP wie in diesen Fällen haben wir sehr selten. Ich hatte zwei auf einmal davon, eine Duplizität der Ereignisse.

Die Bilanz meines Nachtdienstes waren zwei tote Kinder und zwei lebende Mütter. Das Glas ist halb voll, aber es schmeckt irgendwie bitter.

 

 

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