Familie mit Migrationshintergrund

Wir sind jetzt seit einem Jahr Gastarbeiter in Tansania, Grund genug mal wieder ein paar Gedanken aufzuschreiben.

Als „Wazungu“ (= Weiße) in Schwarzafrika zu leben, birgt weniger Gefahren als man sich immer so vorstellt, dafür aber umso mehr Herausforderungen. Es gelingt uns z.B. niemals, unseren Migrationshintergrund zu leugnen. Wir  reden, riechen, essen, denken, arbeiten und feiern anders und immer und überall steht uns das soziale Gefälle im Weg.                        Obwohl wir von Spenden leben müssen, weil uns niemand bezahlen kann, geht es uns immer noch viel besser als den meisten Menschen hier. Das ist zugegebenermaßen nicht so schwer, führt aber dazu, dass wir trotz aller Abstriche zur obersten Oberschicht gehören. Solche reichen Leute haben wir in Deutschland immer eher argwöhnisch betrachtet. Von denen, die viel reicher sind als man selbst, macht man sich aber i.d.R. falsche Vorstellungen. Deren Probleme möchte man gerne haben und außerdem hat man viele Ideen, wie diese Leute ihr Geld sinnvoller ausgeben könnten. Wenn man dann tatsächlich Kontakt zu solchen Leuten hat, kommt man sich womöglich schäbig vor, weil man denkt, nicht mithalten zu können. Das erleichtert nicht gerade das zwanglose Knüpfen von Kontakten oder das Schließen von Freundschaften. Wenn, wie in unserem Fall, noch erhebliche kulturelle Differenzen und eine Sprachbarriere dazukommen, kann man sich vorstellen, dass wir beziehungsmäßig etwas unterversorgt sind. Wir sind hier Fremde und fühlen uns manchmal einsam.

Um zu wissen, wie man sich als Ausländer fühlt, muss man selber mal einer sein. Es ist z.B. nicht gerade ein erhebendes Gefühl, wenn man mit Steinen beworfen wird oder man „Verschwindet!“ hinterher gerufen bekommt. Das waren zum Glück nur Einzelfälle und spiegelt nicht unser Lebensgefühl hier wieder, aber verkraften muss man das schon erst einmal. Dass viele beim Fußball ganz demonstrativ gegen Deutschland sind, ist noch gut zu verschmerzen. Es zeigt aber, dass wir Weißen von manchen Leuten nicht so positiv gesehen werden wie wir es selber gerne hätten.                                                                                         Gelungene Integration in die Gesellschaft (wie wir das in Deutschland von den Ausländern gerne erwarten) ist für uns hier nahezu unmöglich und wir wissen gar nicht, ob wir das können wollen oder wollen können. Beim Einbürgerungstest würden wir ohne Zweifel durchfallen.

Wir sind froh, dass die einheimischen Kinder gerne mit unseren Kindern spielen, wozu sicherlich auch unser sozio-ökonomischer Status beiträgt. In der Tat war es anfangs häufig so, dass Trauben von Kindern unser Tor belagerten, weil sie alle bei uns spielen wollten.      Es war schon sehr paradox: wir sind nach Afrika gegangen, um für die Menschen da zu sein, standen aber ziemlich unvermittelt vor der Herausforderung, uns die Leute vom Hals halten zu müssen, damit wir nicht überrannt werden. Wie verhält man sich gegenüber der Schar von Kindern und dem Heer von Händlern, Bettlern und Schmarotzern? Wie unterscheidet man zwischen faul und bedürftig? Wer zieht uns über den Tisch, wo müssen wir mal ein Auge zudrücken und welche Kinder lassen wir zum Spielen rein?                                                Im Krankenhaus stehen wir außerdem vor der Herausforderung, Untergebene kulturell angemessen zurechtzuweisen, ohne dass uns dabei eine jederzeit ausgeglichene innere Gemütsverfassung zur Verfügung steht :-). Wir haben hier so viele Gelegenheiten uns falsch zu verhalten, dass wir täglich etliche davon nutzen.                                                                       Wie vorauszusehen war, kommen wir immer wieder an unsere Grenzen. Wie geht man um mit Ungerechtigkeit, fehlendem Vorausdenken, Vernachlässigung von Kindern, lascher Arbeitsmoral, blankem Unwissen, Dummheit oder Korruption? Wie hält man die Spannung zwischen eigenem Anspruch und täglicher Wirklichkeit aus und wie verhindert man, dass man an den falschen Stellen abstumpft? Wir haben mehr Fragen als Antworten.

Trotzdem glauben wir, am richtigen Platz zu sein. Wir sind gerne hier, die Arbeit im Krankenhaus macht Spaß und es gibt genug davon für alle. Ob wir das tansanische Gesundheitswesen nachhaltig verändern, bleibt fraglich, aber wir helfen vielen Menschen in ihrer Not. Das ist nicht die schlechteste Art, den Tag zu verbringen. Vielen Dank an alle, die uns dabei auf so vielfältige Weise unterstützen.

Es gäbe noch viel zu sagen, aber am Schluss nur noch dies: Bitte betet für uns, wenn Ihr könnt (wenn nicht, beten wir für Euch). Seid nett zu Ausländern und geduldig mit ihren Unzulänglichkeiten. Lasst Eure Kinder mit Migranten spielen und werft keine Steine.

Familie mit Migrationshintergrund

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