Streng nach Lehrbuch

Als diensthabender Arzt muss man abends eine Runde über alle Stationen drehen. Dann werden einem die Problemfälle und Neuaufnahmen gezeigt. Nicht immer ist einem vergönnt, im Halbdunkel auf Anhieb die richtige Diagnose zu stellen, aber im folgenden Fall war die Diagnosestellung das geringste Problem.

Omphalozele

Dieses Kind war drei Stunden zuvor zuhause zur Welt gekommen und litt an einer Omphalozele. Das ist ein Nabelschnurbruch, bei dem sich Bauchorgane des Kindes nach aussen vor die Bauchwand verlagert haben (das passiert natürlicherweise bei jedem Kind während der Entwicklung, in der Regel bildet sich der Bruch aber vor der Geburt wieder zurück und die Bauchdecke schliesst sich). Da kein gestandener Kinderchirurg in absehbarer Zeit auftauchen wollte, kummulierten wir das ärztliche Fachwissen Mbesas und machten uns an die Arbeit.  Mangels eigener Erfahrung, operierten wir streng nach Lehrbuch.

Streng nach Lehrbuch

Im Bruchsack befand sich hauptsächlich die Leber, die am Ende vollständig im Bauch untergebracht werden konnte. Leider war das kleine Mädchen nach der OP ziemlich unterkühlt, weshalb wir uns zu „intensivmedizinschen“ Massnahmen gezwungen sahen. Da die krankenhauseigene Wärmflasche defekt war, wurden Seckelmanns Wärmflasche und deutsche Strickwaren herbeigeschafft.

Intensive-Care-Korb

Am Ende des Tages war unsere kleine Patientin durch den undosierten Einsatz einer Wärmelampe zu allem Überfluss dann völlig überhitzt – wahrscheinlich wäre das 2200g-Kind auf einer Intensivstation besser aufgehoben gewesen. Diese Welt ist nicht der sicherste Ort für Kinder. Durch Gottes Gnade konnte „Irine“ trotz alledem nach einigen Tagen geheilt entlassen werden. Ehre wem Ehre gebührt.

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