Völlig irrational der Typ!

Eines Nachts sah ich, wie sich eine handtellergrosse Spinne neben meinem Bett, glücklicherweise ausserhalb des Moskitonetzes, abseilte. Da ich leider meine Taschenlampe nicht fand und auch gerne auf meiner Seite des Netzes bleiben wollte, entschloss ich mich, sie einfach durchs Moskitonetz hindurch mit der Hand an der Wand zu zerquetschen. Keine Ahnung warum ich dass mit meiner blossen Hand gemacht habe. Wahrscheinlich war ich nicht nur übernächtigt, sondern auch geistig umnachtet. Meine Hand krachte scheppernd gegen die Nachttischlampe. Es ist mir ein Rätsel, wie die Lampe sich erst als Spinne abseilt und dann auf einmal so tut als wäre sie eine leblose Lampe.
Aber jedem seine eigene Paranoia: Sarafina hat neulich abends ihr Brot so schnell mit beiden Händen in sich hineingestopft, als ob sie Angst hätte zu verhungern. Cajus dagegen entpuppt sich als oberster Nutella-Rationierer: „Jeder bekommt nur ein Nutellabrot pro Tag, sonst ist es zu schnell alle“ (erstens ist es das Glas, was er zur Einschulung geschenkt bekommen hat und zweitens ist seine Angst nicht unbegründet). Und Carlotta wachte einmal nachts ängstlich auf, weil sie von einer Schlange geträumt hatte. In der Tat war am Tag zuvor im Unterstand kurz eine Schlange gesichtet worden (Schlangen die man nicht mehr sieht, beunruhigen mehr als solche die man noch nie gesehen hat). Und auch die Ungewissheit, ob das Fieber bei Lotti eine banale Erkältung oder die erste Malaria ist, ist für uns Tropenlaien nicht so leicht zu ertragen.

All das erinnert uns an eine Geschichte:
Zwölf Männer kämpfen im Sturm verzweifelt gegen den steigenden Wasserstand im Boot. Die Angst zu ertrinken bringt sie dazu, Jesus zu wecken, der völlig irrationalerweise in der hintersten Bootsecke schläft. Seine Antwort ist aber noch irrationaler: „Warum habt ihr Angst, ich bin doch bei Euch?“. Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, darf man doch mal Angst haben, oder? Und dann steht Jesus auch noch auf und stillt den Sturm – völlig irrational der Typ!
Dabei fällt uns ein, dass wir genau das gleiche unseren Kindern oft gesagt haben, wenn sie nachts schreiend aufgewacht sind: „Hab keine Angst, Mama und Papa sind doch da!“ Für das Kind ist alles zum Schreien, für die Eltern besteht aber überhaupt kein Grund zur Panik. Es ist also alles eine Frage der Perspektive. Man kann mit seiner berechtigten oder unberechtigten Angst auf unterschiedlichste Weise umgehen. Wir persönlich können uns nichts Hilfreicheres vorstellen als das Wissen, dass der Schöpfer des Universums mit uns im Boot sitzt und jederzeit ansprechbar ist. Und wenn wir mal wieder nicht alleine zurecht kommen und die Angst ins Boot schwappt, wird er zu uns sagen: „Habt keine Angst, ich bin doch da“. Und wenn er das sagt, dann muss sich noch nicht die Situation ändern, aber es ändert sich etwas in uns. Nur wer diesen Trost selber noch nicht erlebt hat, würde behaupten, das sei Opium fürs Volk. In diesem Sinne. No Fear!

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